Martin Conrad


 

Martin Roman Deppner

Wach machende Irritationen: Martin Conrads Bild-Körper

Gemalte Bilder sind stets eine Auseinandersetzung mit Farbe und Fläche, mit Illusionen in Raum und Zeit, mit vorhandenen und verborgenen Motiven, mit Zeichen und Gesten. Sinnliche Erfahrungen konfrontieren mit Erinnerungen, materielle Ausschnitte stehen neben abstrahierten Unendlichkeiten. Je nach Entscheidung werden dinghafte Einschließungen favorisiert oder ausgedehnte Feiern der Farben zum Thema. Malgestus und Temperament spielen eine Rolle - je nach Entscheidung aufgeladen oder bis zum Verschwinden reduziert. Das Bild der Malerei hofft auf ein aktives Sehen und das Sehen bringt dann den Körper ins Spiel, wenn es die Bilderfahrungen umzumünzen versteht, in ein Neuorientieren der Wahrnehmung. Letzteres ist ein Unterfangen, dem sich auch Martin Conrad zuwendet, mit Neuorganisationen aller genannter Parameter.

Das auf den Augenblick vertrauende malerische Temperament des Künstlers gleitet von der fließenden Handschrift in die Präzision der festen Form, der gleichwohl die Spuren des Verwischens als Erinnerung an überwundener Spontaneität noch beigegeben ist. Durch Farbgewichtung wird einer ausufernden und entfesselten Pinselheftigkeit energischen Selbstausdrucks auf eigenem Terrain Einhalt geboten. Die linearen Elemente sind Nachbildungen gesammelter Bildwelten, Bildpotentiale aus eigenen Archiven ethnologischen, biologischen, geographischen Zuschnitts, deren magische Wirkung aus den Entdeckungsreisen kindlicher und jugendlicher, also Orientierung suchenden Alters resultieren und den Denk-, Bild- und Selbstfindungsprozeß wiederholen und als Fiebertraum und zugleich Findungsprozeß innerhalb eines gefundenen Bildverständnisses ein halluzinatorisches Erlebnis im Zustand der Reife bewahrt.

Unterstützt wird dieses bewußte Einholen halluzinatorischer Zustände durch die sich steigernden Farben, Lila und Gelb etwa.
Einzelne lasierende Farben formen sich zu einem Unruhe stiftenden Fond. Dieser unterstützt die angestrebte Zurücknahme fester Strukturen, Die aufgerichteten Kraftfelder bildnerischer Energie erscheinen stets entkernt, Farbe revoltiert gegen Konturierungen, jedes Teil agiert für sich und ist doch ohne das gemeinsame Netz sich verkettenden Seh-Erlebnisse nicht denkbar.
Neubeginn als Aufhebung festgefügter Normen zu betreiben, und dennoch der Farbmaterie Halt zu geben, ist das Ziel. Scheinbar Unfertiges und Vollendetes wird als eine Sache aufgefaßt in der das Zusammenwirken auch ein Gegenwirken der Pole akzeptiert.
Der Weg der Balance führt über dessen sinnlicher Vergegenwärtigung zu jener Denkoperation, die den Verlust der Bezugssysteme zugleich als Gewinnung einer freien Orientierung zur Verfügung zu stellen vermag. Sinnverschiebenden Motivkombinationen sind auszumachen, die an Synapsenverknüpfungen in unseren Gehirnen denken lassen, einem Modell vergleichbar, wie Denken entsteht und Bewußtsein hervorgebracht wird. Dabei kommt nicht das fertige Denk-Bild zur Anschauung, sondern der Prozeß dazu.

In den Fokus gerät so das Nachsinnen über die Perspektiven einer zur Freiheit im Denken verpflichteten Kunst. Mit dem Aufscheinen einer Dimension, die die Freiheit als verantwortliches Denken reflektieren läßt, ist das fürs Auge inszenierte Zerspringen des heterogen mehrschichtigen Bildes für einen Augenblick angehalten. Demnach ist es keine Unentschiedenheit, die den Künstler dazu bewegt, das Gegenläufige Bild werden zu lassen. Ihm geht es um ein Zeichen des Zögerns im Aufbruch zur freien Fahrt, ein Zeichen, das in der Überlagerung der sich entladenden und zugleich gezügelten Pinselarbeit, das in der Überlagerung von ungebundenem Farbeneinsatz und erinnerndem Motiv, von Schrei und Verstummen, als ein Zeichen des Innehaltens wirksam wird.

Martin Conrad legt Spuren der Selbstauskunft als Farbnuancen und eingestreute Erinnerungsblitze, deren Verweisfunktion sich auflöst und als Überschneidung von Sinnesaktivität eine Neuorganisation des Sehens einklagt. Diese Neuorganisation bringt die Körpererfahrung ins Spiel, erreicht durch die angestoßene Wanderung in Bildlichkeiten, die den Fokus verweigern und die erwartete Illusion in das Vergegenwärtigen des Selbst vor dem Bild ummünzt.

Dieser Prozeß gleicht einer Wanderung durch ambivalent bewegte „Farb-Körper“, Bilder, die ihrerseits Körperlichkeit evozieren, weil sie das Sehen zu einer aktiven Erfahrung wach machender Irritationen potenzieren. Denn das von den Bildern geforderte wandernde Sehen stellt durch die wahrnehmbaren Abweichungen und Verunsicherungen eine Verbindung zum Körpergedächtnis her, gerade weil die gespeicherten Orientierungsmerkmale nicht einfach bestätigt, sondern herausgefordert werden. Es ist eine Herausforderung, die die Erinnerung an Beständigkeiten mit dem Aufbruch zum Neuen zu verknüpfen vermag, als Wahrnehmungshorizont der Bewußtseinsentstehung in der Gegenwart des Bildes.


Prof. Dr. Martin Roman Deppner, Fachhochschule Bielefeld, Fachbereich Gestaltung, Lehrgebiet Medientheorie, Gegenwartskunst

Text veröffentlicht Nov. 2004 in Kultur in Hamburg anlässlich der Ausstellung
“Martin Conrad – Anfänge des Denkens, obwohl”, Galerie Ruth Sachse, Hamburg 2004

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