Martin Conrad


 

Dieter Begemann

Erinnerung und Eins im Sinn

Der Maler Martin Conrad

Die Musen als antike Personifikationen der Künste, sie sind auch heute noch im breiteren Sprachgebrauch anzutreffen. Aber wer wüsste aus dem Stegreif noch die Mutter der neun kunstbringenden Schwestern zu nennen? Es ist Mnemosyne, die Göttin der Erinnerung! Das ist beziehungsreich und hilft möglicherweise, einen Künstler wie Martin Conrad zu verstehen. Denn es geht bei derlei Bezügen nicht um verschüttete Bildungsbrosamen, sondern um eine Denkfigur, die mitten hineinführen kann in ein künstlerisches Werk, das souverän jongliert mit bildungs- und erinnerungsgesättigten Tiefenschichten, auch solchen entlegener Provenienz. Doch nicht minder ist es von einer Freiheit der Kombinatorik charakterisiert, die ganz von heute ist.

Das Atelier: der Künstler empfängt den Besucher mit dem Hinweis, dass es hier „wie in einem ägyptischen Grab“ über verschlungene Korridore mit überraschenden Knickwendungen einen windungsreichen Weg zu absolvieren gelte. Das beschreibt zwar einerseits den tatsächlichen Weg im denkmalgeschützten Gebäude, könnte aber ebenso gut den in eine Bildwelt meinen, die sich, von einer dichten Oberfläche ausgehend, immer weiter in die Tiefe schraubt. In der innersten Windung des Schneckenhauses, um eine biologische Analogie zu verwenden, befinden wir uns in einem Raum, der zwar gedrängt voll aller möglichen Dinge ist, aber doch spürbar einer bezwingenden Ordnung unterliegt. Kreiden sortiert in Pappschachteln, Farbtuben, Massen von Pinseln in Gläsern und Dosen, sorgfältig beschriftete Farbmuster, kurz the tools of the trade. Aber auch: Steine, ein Ziegelrest mit anhaftendem Mörtel, bizarre Zweige und, hinter einem Vorhang halb verborgen, Bücherregale, nein, eine förmliche Bibliothek, Künstlerisches, aber auch Philosophisches und Literarisches. Die Atmosphäre, die im Raum schwebt, erinnert an ein alchemistisches Laboratorium, dessen Meister, bevorzugt in dunklem Sakko und dunklem Hemd, mit leiser, zurückhaltender Stimme klug und eindringlich formuliert. Das Wort: Ein bildender Künstler, der Titel findet wie Felder Umschrittenwerden für eine aktuelle Werkgruppe, Fünfhändige Winde oder, ein früheres Beispiel und ebenso wunderschön, Dionysos bis Worms, der verfügt offenbar auch über ein feines Gespür für Sprache, ihren Gehalt und ihren Klang.

Martin Conrad ist aber vor allem ein Bildfabulierer, denn Titel wie die genannten lassen zwar weiträumige Assoziationen anklingen, ergeben aber für sich keine bündigen Geschichten. Die Felder, die hier umschritten werden, erstrecken sich von uns und jetzt ins Bald und Damals, ins Nie und Nirgends oder in bislang unbeschrittene Zwischenräume. Den Weg in Conrads Land markieren zwei Spuren, distinkt und doch verwoben. Rasche Pinselzüge als Bänder oder auch kreiselnde Elemente bilden in sich pulsierende Strukturen, die in ihrer oft architektonischen Qualität einen beruhigten und großzügigen Bildrhythmus vorgeben. Das ist die eine Spur. Die andere ist kleinteiliger, unruhiger. In dunkler Linearität sehen wir über den malerischen Strukturen: Gesichter, Gebäudedetails, Fahrzeuge, merkwürdige Gerätschaften oder Muster aus irgendwelchen historischen Fernen. Oder doch von heute? Ohne nachvollziehbaren Zusammenhang stehen diese Objekte nebeneinander. Nein, eigentlich schweben sie eher, leise tauchen sie aus dem Grund auf, verändern ihre Position zueinander, sinken wieder zurück. Die semantische Offenheit der Darstellung ist ihr eigentlicher Daseinsgrund, die scheinbar unendliche Veränderlichkeit ihr Funktionsprinzip.

Wir befinden uns bei Martin Conrad in einer veritablen Wunderkammer, wie man sie im Barock liebte, einer dieser seltsamen Zusammenstellungen mit Trouvaillen aus den Reichen des Natürlichen wie des Künstlichen. Was später der Aufklärung als schnöde Rumpelkammer galt, war in Wahrheit eine Versuchsanordnung, den möglichen Gesetzen der Welt assoziativ nahe zu kommen: Ihr Kern war die Transformation, der jederzeit denkbare Umschlag von einer Qualität oder Zuordnung in eine ganz andere. Das ist verblüffend modern, stehen wir doch heute an einer Stelle, wo wir die Hinfälligkeit starr systematischer Zuschreibungen nur allzu schmerzlich selbst erfahren müssen… Stattdessen Ahnungsvermögen, Wahlverwandtschaften, Assoziationen. Es ist eine Ermächtigung der Sinne, zu denen unbedingt auch der siebente gehört!

Was könnte sinnlicher sein als Farbe? Martin Conrad hat einen ganz eigenen Farbkosmos entwickelt, in welchem die Schönheit der leuchtenden Türkistöne, der mürben Ziegelfarben, der kalkigen Gelbabstufungen auf eine merkwürdige Weise gebrochen ist. Ihre Harmonien liegen, obwohl vorhanden, unverkennbar leicht schräg. Der lustvollen Üppigkeit ist eine gewisse Widerspenstigkeit beigesellt. Das entzieht sie allzu vorschnellem Verstehen, fordert den zweiten Blick. Und, nicht zu vergessen, diese Bilder sind aus zwar mit sinnenfreudiger Farbmaterie, aber eben doch bewusst gebaut: Vertikale und Horizontale bilden Gerüst und Architektur. Expressivität und Konstruktivismus: Martin Conrad ist bei seinem Tun ein historisch bewusster Maler, der immer wieder die Geschichte seines Mediums reflektiert, seine Möglichkeiten durchspielt, um sie lebendig zu erweitern. Eine Auseinandersetzung, die er, nach seinen Worten, „den Vorgängern schuldig“ ist. Farbe, das ist hier noch anzumerken, vermag, aus sich heraus Räumlichkeit zu schaffen. Aber anders als die statisch definierten Räume einer perspektivischen Konstruktion sind die Farbräume dieser Bilder durchweg offen: Ihre Tiefenschichten schwingen vor und zurück.

Von der Farbe nun zur Linie. Die Grundlage der linearen Elemente ist ein kontinuierlicher zeichnerischer Prozess, eine Art Denken in Bildern, bei welchem der Künstler Gesehenes und Gefundenes aus den disparatesten Quellen zunächst auf Papier bringt: Blätter, die mittlerweile zahllose Archivschachteln füllen. Ein sorgfältig geführtes Nummerierungssystem ermöglicht den gezielten Zugriff. Aber, was so systematisch klingt, kippt doch jeden Moment um ins blanke Gegenteil, denn die Auswahl fürs Bild folgt weniger inhaltlichen Bezügen als assoziativ erspürten Strukturverwandtschaften der Einzelmotive. So finden sich visuelle Notate nach Kunstwerken der Vergangenheit plötzlich wieder neben dem Fragment eines Lehrbuchs der Naturgeschichte, dem seinerseits Paraphrasen auf eine zerknüllte Milchtüte benachbart sind. Und, welch Überraschung, der zufällige Umriss der bescheidenen Tüte lässt wiederum umstandslos die glorreiche Antike der Nike von Samothrake anklingen… Martin Conrad spürt den Zusammenhängen wie den Brüchen seiner Motive bevorzugt nach in Serien, die sich über ein, zwei Arbeitsjahre erstrecken. Dabei arbeitet er gleichzeitig an mehreren Bildern, einhergehend mit einer Fülle von Aquarellen und Papierarbeiten. Zwischenpausen sind zur Klärung nötig, auch um in Rückwirkung auf zuvor Begonnenes die Bilderfindung anzureichern.

Umgänge Überdachte (2013-2015) oder Cherubinische Pfade (2014-2016) sind neue Werkreihen. Bei diesen Bildern erweist sich das, was zunächst wie eine Opposition erscheinen mochte, die Zweiheit von sinnlich Malerischem und intellektuell Zeichnerischem, als noch enger verflochten. Auf beiden Seiten des Bildgeschehens sinkt Gesehenes und Erlebtes ab in Gedanken und Gefühle, schließt sich mit Gewussten und (persönlichem wie kollektiven) Unbewusstem kurz, um dann wieder aufzusteigen. Die Aktualisierung zündet der sinnliche Zufall, die Lust am Material: Die so entstehende offene Struktur der Arbeiten ermöglicht auch dem Betrachter, seinerseits unterschiedliche Sehwege einzuschlagen. Motivierend erweist sich dafür nicht zuletzt das Format, dessen physische Präsenz zunächst Abstand erzeugt und dann wieder Annäherung fordert. Das Bild ist ein Körper, der bei den großen Arbeiten sich deutlich plastisch von der Wand absetzt; die Stelen von Station Hang (2014/15) stehen gar frei davor. Die Kraft der Bilder erwächst aus der Verbindung von Sinnlichkeit, die sich an der Struktur bricht und dem Intellektuellen, das sich zum Auffalten der Assoziationen hin öffnet: Martin Conrads Musen haben die Kraft der Erinnerung und die Offenheit für die Entwicklung!


Dieter Begemann (*1954) lebt als Künstler und Kunstwissenschaftler in Martfeld bei Bremen. Seine Texte finden sich in Kunst&Material, kunst:art und Kunst Mag. Er liebt Architektur und Literatur, die er gerne in Lesungen lebendig macht.

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